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Rituale schaffen Spirit!

  • Autorenbild: Peter Schapitz
    Peter Schapitz
  • 18. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

It’s Coffee Time

Warum eine Tasse Bohnenmagie am Morgen mehr fängt als jede Extra-Rute...


Coffee time

Die Nacht war wieder gnadenlos still. Kein Pieper, kein Zupfer, nur das leise Gluckern vom See und das Kratzen der Luftfeuchtigkeit in den Knochen.

Der erste Gedanke nach dem Aufwachen: „Warum tu ich mir das eigentlich an?

Noch ein Blank. Ich bleib einfach liegen.“


Die ganzen großen Pläne vom Vortag, Spots umlagern, Futterstrategie anpassen, Rigs checken. Einmal elegant über Bord geworfen. Das Bivy wird zur Komfortzone, der Schlafsack zur Ausrede.

Und genau hier passiert der größte Fehler: Wer liegen bleibt, angelt nicht. Man verwaltet nur seine Enttäuschung!

Die Lösung für diesen Moment? Kein neues Wunderrig. Kein Hightech-Echolot.

Sondern: Ein Motivationssüppchen aus einer Zauberbohne in faszinierender Röstung.


Morgennebel
Magische Momente während der Herbstsession

1. Das Kaffee-Unser am Wasser

Ich bin bekennender Instant-Verweigerer. Pulver aus der Tüte mag irgendwo seine Berechtigung haben, aber nicht in meinem Bivy. Wo ich schlafe, wird Bohne zelebriert.


Mein Morgenritual ist längst mehr als nur „Koffein tanken“. Es ist eine Zeremonie, ein kleiner Gottesdienst für die Sinne.

  • Die rustikale Handmühle aus den 60ern, die sicher schon halbe Kontinente durchgemahlen hat.

  • Der crunchige Sound des Mahlwerks, der durch die Morgenstille knirscht, während der Nebel über dem Wasser hängt.

  • Das Aufsteigen der Aromen, erst dezent, dann wie eine kleine Duft-Explosion im Zelt.

Noch bevor ein Tropfen Kaffee im Becher landet, weiß mein Kopf: „Okay, wir sind wach. Wir sind am Wasser. Wir sind im Game.“



Kaffeemühle

2. Bohne ist nicht gleich Bohne – ein bisschen Sommelier am See

Nur weil wir in Gummistiefeln und Wathose unterwegs sind, heißt das nicht, dass wir unseren Geschmack aufgegeben haben. Im Gegenteil: Rituale bekommen Qualität, wenn wir sie ernst nehmen.

Ich habe immer mindestens zwei Sorten Bohnen dabei. Unterschiedliche Röstungen, unterschiedliche Herkunft. Auswahl am Wasser ist Luxus, ja. Aber es ist auch ein Statement: Ich bin nicht zum Überleben hier, ich bin zum Leben hier.


2.1 Herkunft, der Charakter der Bohne

Ganz grob:

  • Äthiopien, Kenia, Ostafrika→ Oft fruchtige, florale Noten. Perfekt, wenn der Morgen noch jung ist und man das Gefühl braucht: „Heute passiert was.“

  • Brasilien, Mittelamerika→ Nussig, schokoladig, weich. Ideal für die gemütlichen Stunden, wenn der Nebel sich lichtet und du in den Tag gleitest.

  • Robusta-Anteil→ Mehr Druck, mehr Crema, etwas erdiger, manchmal leicht schokoladig-bitter. Wenn die Nacht hart war, ist ein Blend mit Robusta der kleine Tritt in den Hintern.

Ich wähle die Bohne nach Stimmung und ja, das ist genauso übertrieben, wie es klingt. Aber genau damit baust du dir deinen eigenen Spirit.


Schuppi
Schöner Schuppi kurz nach dem ersten Tässchen Motivation, perfekte Momente!

2.2 Röstgrad, vom Morgengrauen bis zur Dämmerung

  • Helle Röstungen. Mehr Säure, mehr Komplexität. Für mich der „Sonnenaufgangskaffee“ wenn die Welt noch grau ist, der Geschmack aber schon bunt.

  • Mittlere Röstungen. Der Allrounder. Genug Körper für den müden Körper, aber nicht erschlagend. Mein Standard am Wasser.

  • Dunkle Röstungen. Kräftig, röstig, manchmal mit Kakao und leichten Rauchnoten. Passt perfekt zur späten Session, wenn man schon halb in den Schlafsack gefallen ist, aber noch einmal Fahrt aufnehmen will.



Kaffeebohnen

3. Frenchpress, ehrlicher Filter für ehrliche Angler

Aufgebrüht wird das schwarze Gold bei mir in der Frenchpress. Kein Schnickschnack, keine Elektronik. Nur Glas, Metall, Wasser, Bohne.


Ein paar Basics, die ich mir über die Jahre angeeignet habe:

  • Mahlgrad: Grob. Fast wie Paniermehl, nicht wie Mehl. Zu fein → bitter & trüb, und der Kaffeesatz drückt sich durch das Sieb. Bei Kaffee ist kein Fruchtfleisch nötig.

  • Menge: Als grobe Faust: ca. 60 g Kaffee pro Liter Wasser. Am Wasser messe ich nicht mit der Feinwaage. Ich nutze einen kleinen Löffel und kenne sein „Gefühl“.

  • Wassertemperatur: Kocher hochjagen, dann kurz warten. Kochendes Wasser direkt über die Bohnen → bitterer Gruß aus der Hölle. Schade um die Bohne.

    Ideal sind so etwa 90 °C.

  • Am Wasser heißt das: Wasser kochen, runternehmen, 20–30 Sekunden warten, dann erst aufgießen.

  • Standzeit: Ja, darüber kann man diskutieren wie über Hakenformen.

    3–4 Minuten sind ein guter Start.

    Ich mach’s ehrlich: Das Mojo entscheidet. Manchmal sind es gefühlte 2 Minuten, manchmal 5. Der Punkt ist, ich bin im Moment, nicht im Labor.


Dann kommt der magische Moment. Stempel langsam nach unten drücken, die Öle sammeln sich oben, der Duft explodiert und der Rest der Welt ist für ein paar Sekunden egal. Tatsächlich so wie in einer der schlechten Kaffeewerbungen.

An kalten Tagen wärme ich die Tasse mit heißem Wasser vor, solange der Kaffee zieht. Der erste Schluck soll sich schließlich anfühlen wie ein dicker Hoodie von innen und nicht wie eine italienische Kaltspeise.


Kaffeebar
Die Bar ist geöffnet

4. Der Moment, in dem ich einfach keinen Biss gebrauchen kann

Fast schon ein Sakrileg für einen Angler, aber ich sag’s trotzdem:

Es gibt nur einen Zeitpunkt am Tag, an dem ich absolut keinen Biss gebrauchen kann und das ist genau während meiner Kaffeeritual-Zeit.

Kommt es doch mal vor, dass genau in diesem Moment eine Rute abläuft, verwandelt sich mein Mojo kurz in Zornmodus:

  • Tasse wegstellen, halber Mund verbrannt.

  • Stolpern in der Wathose.

  • Drill mit halber Aufmerksamkeit.

Ja, der Fisch ist immer wichtiger als der Kaffee, aber Spaß macht das nicht.

Passiert der Biss jedoch kurz nach der ersten Tasse, wenn der Kopf wach und der Körper warm ist, dann fühlt sich die Welt plötzlich an, als hätte jemand die Farbregler hochgedreht.


Genau dafür sind diese Rituale da:

  • Sie strukturieren den Tag.

  • Sie beflügeln uns, wenn Motivation knapp ist.

  • Sie helfen uns, auch dranzubleiben, wenn die Fische es nicht gut mit uns meinen.



Sonnenaufgang

5. Mehr als Kaffee!

Rituale als Angel-Treibstoff

Kaffee ist nur mein persönliches Vehikel. Dein Ritual kann ganz anders aussehen:

  • Der erste Blick über den See immer ohne Handy.

  • Eine bestimmte Reihenfolge beim Aufbau der Ruten.

  • Das erste Mal Futter ins Wasser immer mit der Hand, nie mit Rakete.

  • Dem einen sein Kaffee beim Sonnenaufgang, dem anderen sein Kaltgetränk beim Sonnenuntergang.


Es geht nicht darum, besonders „spirituell“ zu sein. Es geht darum, dem, was wir tun, Bedeutung zu geben. Wir feiern mit unseren Ritualen das weltbeste Hobby, mit all seinen Blanks, Sternstunden, Fehlbissen und natürlich den Ausnahmefischen.



Morgenkaffee
Auf Petrus

6. Mein Moment, an jedem Gewässer der Welt

Egal, ob ich an einem verwachsenen Baggersee im Nirgendwo sitze, an einem breiten Fluss mit Strömungspower oder an einem großen, offenen Stausee.


Der Ablauf ist immer ähnlich:

  1. Die Nacht war wie sie war, vielleicht erfolgreich, vielleicht abschreckend leise.

  2. Ich setze Wasser auf, öffne eine der Bohnenpackungen, schnuppere, entscheide nach Laune.

  3. Die Mühle singt ihren knirschenden Song. Der See antwortet mit Stille.

  4. Ich gieße auf, lasse das Mojo die Standzeit bestimmen.

  5. Ich nehme den ersten Schluck, sehe den Dampf der Tasse mit dem Nebel über dem Wasser verschmelzen und weiß, Genau hier soll ich gerade sein.



In diesen Minuten bin ich nicht nur Angler. Ich bin Beobachter, Routenplaner, Taktiker und ein kleiner, zufriedener Sommelier in Gummistiefeln.

Und genau dieser Zustand sorgt am Ende dafür, dass ich nicht liegen bleibe, sondern:

  • Montagen kontrollieren

  • den Futterplan anpassen

  • Spots wechseln

  • und nicht in Selbstmitleid versinken.

Rituale machen uns handlungsfähig, selbst wenn der Bissanzeiger schweigt.



7. Dein Ritual, dein Spirit

Ich hoffe, du hast auch dein eigenes Ritual und wenn nicht, ist jetzt vielleicht der perfekte Zeitpunkt, dir eins zu bauen:

  • Vielleicht wird’s bei dir auch die Bohne.

  • Vielleicht ist es ein bestimmtes Frühstück.

  • Vielleicht eine feste „Ruten-Aufbau-Choreo“.


Egal was es ist: Feiere es bewusst. Mach aus einer banalen Gewohnheit ein kleines Fest. Denn genau dort, zwischen Wasserdampf, Kaffeeduft und blinkenden LEDs, entsteht das, was uns am Wasser wirklich hält:

!!!Spirit!!!


It’s coffee time, und der nächste Biss kommt bestimmt.



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